Chile ist von Gender-Gleichheit im Arbeitsleben noch weit entfernt. Auch wenn inzwischen genauso viele Männer wie Frauen studieren, liegt der Anteil der Frauen am Arbeitsmarkt mit nur 48 Prozent bedeutend unter dem OECD-Durchschnitt von 63 Prozent. Bei der Entlohnung werden Frauen deutlich benachteiligt. 

Bei jüngsten Umfragen haben 37 Prozent der nicht aktiven Frauen familiäre Gründe angegeben. Gerade in den unteren sozialen Schichten fehlt es an Möglichkeiten der Kinderbetreuung. Die Bezahlung von Kindermädchen oder privaten Kindergärten und Krippen ist ab der gehobenen Mittelschicht möglich. Die breite Masse der Chileninnen jedoch ist auf staatliche Betreuungsplätze angewiesen, auf die nur die Bedürftigsten einen Anspruch haben. 

Bei einem durchschnittlichen Monatseinkommen von umgerechnet etwa 270 Euro beträgt der geschlechtsspezifische Lohnunterschied 41 Prozent. Dies könnte erklären, warum Chileninnen selbst im lateinamerikanischen Durchschnitt weniger am formellen Arbeitsleben teilnehmen. Der Schnitt in Lateinamerika liegt bei 53 Prozent.

Obwohl sie in der akademischen Ausbildung den Männern nicht nachstehen, ist eine höhere Karriere für Chileninnen nicht einfach. Im Global Gender Gap Index liegt Chile in der Kategorie “Frauen in Vorständen und Geschäftsführungen” auf Platz 70 von 144 Ländern. In der Kategorie “geschlechtsspezifische Lohnunterschiede" liegt das Land auf Platz 133. 

Nur sieben Prozent der großen Unternehmen gehören Frauen, und unter den Direktoren der wichtigsten Unternehmen des Landes sind lediglich fünf Prozent weiblich. In den mittleren und großen Unternehmen sind acht Prozent der allgemeinen Führungspositionen von Frauen besetzt. An den unteren Chefetagen der mittleren und großen Unternehmen sind Frauen mit 27,6% beteiligt. Unabhängig von der Größenordnung des Unternehmens sind Frauen mit 33,8 Prozent in Positionen des mittleren Managements aktiv. 

Auch wenn derzeit nur zwei  Prozent der aktiven Frauen Arbeitgeber sind, so ist diese Zahl stark steigend: 88 Prozent der im Jahr 2016 geschaffenen weiblichen Arbeitsplätze waren selbständig, und nur 12 Prozent wurden entlohnt. Schon jetzt sind 38 Prozent aller Unternehmensgründer weiblich. 

Gleichzeitig steigt das Bewußtsein über die Bedeutung der Beteiligung der Frauen für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Chilenische Vereinigungen wie der Verband “Unternehmerfrauen” schaffen Netzwerke und unterstützen mit Qualifizierung und Erfahrungsaustausch andere Frauen. Jährlich werden außerdem die 100 herausragendsten Frauenpersönlichkeiten von der wichtigsten Tageszeitung und lokalen Unternehmensverbänden ausgezeichnet. 

Letztendlich sprechen die Zahlen für sich: Wenn Chile die Erwerbsbeteiligung der Frauen in der Arbeitswelt von derzeit 48 Prozent auf 60 Prozent erhöht, würde dies einen Anstieg von rund sechs Prozent des BIP pro Kopf bedeuten.