Chile fragt verstärkt Spitzentechnologie nach

Johanna Sternberg

Delegationsreisen nach Deutschland

Nach Jahren geschwächten Wachstums und niedriger Rohstoffpreise hat Chile strategische Sektoren definiert, in denen Technology Gaps geschlossen werden sollen und das Land Spitzentechnologie nachfragt, um eine international wettbewerbsfähige verarbeitende Industrie zu etablieren. Johanna Sternberg, Leiterin DEinternational der AHK Chile, erläutert diese Tendenzen, die Rolle der Kammer und die Chancen für deutsche Unternehmen. 

Welche Strategien hat die chilenische Regierung entwickelt, um Chile international wettbewerbsfähiger zu machen? 

Johanna Sternberg: Das chilenische Wirtschaftswachstum hat im Vergleich zu Vorjahren nachgelassen. Zudem hat der Rückgang der Rohstoffpreise die Wirtschaftskraft beeinträchtigt. Deshalb ist jetzt die Steigerung von Effizienz, Produktivität und nationaler Wertschöpfung in vielen Branchen an der Tagesordnung. Gleichzeitig strebt Chile an, in Zukunft weniger vom Rohstoffexport abhängig zu sein. Die sogenannten „Strategischen Programme“ der chilenischen Regierung verdeutlichen dies: Sie sollen Chile zu einem international wettbewerbsfähigen Land machen, mit einer verarbeitenden Industrie, die hohe Produktivität aufweist und Spitzentechnologie verwendet. Dazu sollen bestehende Technology Gaps geschlossen werden, die momentan Wachstum, Innovation und Produktivität hemmen, und in diesem Zusammenhang soll auch die Clusterbildung vorangetrieben werden. 

Die Programme werden in Sektoren umgesetzt, die eine strategische Bedeutung für das Andenland haben, zum Beispiel Bergbau, Lebensmittelindustrie, Bauwirtschaft, Solarindustrie; auch das Thema Industrie 4.0 wird in diesem Zusammenhang immer relevanter.

Mit dem Ziel des Technologie- und Know-How-Transfers organisiert die AHK Chile regelmäßig Delegationsreisen nach Deutschland. Welche Themen oder Branchen sind den Chilenen derzeit wichtig?

Johanna Sternberg: Es gibt momentan branchenübergreifend ein großes Interesse an Delegationsreisen nach Deutschland. Deutsche Technologie und Know-How können einen wichtigen Beitrag bei der Umsetzung der genannten Programme leisten, ein zentraler Anlaufpunkt sind bei den Delegationen deshalb auch deutsche Leitmessen. Die Themen unserer Delegationen in 2017 spiegeln die strategischen Programme wider: Nachhaltiges Bauen, sekundäre Holzindustrie mit Besuch der LIGNA, Energieeffizienz in Gebäuden und Industrie mit Besuch der HannoverMesse, Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie mit Besuchen der drinktec und Anuga, eine CEO-Mission zu den Themen Industrie 4.0, Innovation und Cluster.

Ein anderer wichtiger Bereich ist Umwelttechnologie, da Chile schrittweise Umweltgesetze verschärft, aktuell zum Beispiel im Bereich Abfall und Recycling. 

Wie plant und organisiert die AHK die Reisen nach Deutschland? 

Johanna Sternberg: Die Projektauswahl basiert auf unserem Monitoring des chilenischen Marktes und wird mit den Interessen Deutschlands und dem Messekalender abgeglichen. Für chilenische KMU ist es aus finanziellen Gründen oft schwierig, Reisen nach Deutschland zu unternehmen, sodass die Delegationen überwiegend im Rahmen von öffentlichen Programmen durchgeführt werden, sowohl mit deutschen als auch chilenischen Geldern. Die Vorschlagsabfrage für Informationsreisen im Rahmen des BMWi-Markterschließungsprogramms für KMU illustriert sehr gut, wie die Themen ausgewählt werden: Zunächst erfolgt eine interne Abfrage relevanter Themen im chilenischen Markt, im Anschluss eine Absprache mit Verbänden in Deutschland sowie deutschen Institutionen in Chile wie GTAI, Botschaft und GIZ. Daraus entsteht schließlich der finale Vorschlag. 

Mit wem arbeitet sie dabei in Deutschland zusammen? 

Johanna Sternberg: Die AHK arbeitet eng mit Fachverbänden, öffentlichen Institutionen und den IHKn zusammen. Sehr wichtig ist auch die Zusammenarbeit mit Consultants im Rahmen der öffentlich geförderten Projekte, wie zum Beispiel dem Markterschließungsprogramm oder der Exportinitiative Energie. Die AHKn fokussieren sich bei diesen Reisen auf die Akquirierung der chilenischen Teilnehmer und die Bereitstellung von Marktinformationen, während die Consultants die Organisation des deutschen Reiseteils übernehmen.

Welche Vorteile haben die deutschen Unternehmen, die den chilenischen Delegationen die Türen öffnen? 

Johanna Sternberg: Sie können aus erster Hand erfahren, welche Bedarfe momentan in Chile bestehen, die nicht immer direkt aus den allgemeinen makroökonomischen Informationen hervorgehen. Die Unternehmen werden sorgfältig von der AHK Chile ausgewählt, es geht nicht darum „irgendwelche Besichtigungstermine“ zu vereinbaren, sondern gezielt den Bedarf der chilenischen Teilnehmer mit dem deutschen Angebot abzugleichen und die Besuche entsprechend inhaltlich vorzubereiten. Für die deutschen Unternehmen können sich so sehr interessante Geschäftskontakte ergeben. Durch einen Besuch mit einer Delegation, die von der AHK Chile organisiert wird, haben die deutschen Unternehmen in Chile darüber hinaus einen kompetenten Ansprechpartner für das Follow-Up dieser Besuche.