Chiles Lebensmittelsektor setzt neues Gesetz zur Kennzeichnung um

06.07.18 Aktuelles, Food & Retail


Chile setzt im Juni 2018 den nächsten Schritt einer strengen Kennzeichnung für Lebensmittel um. Auf hohe Mengen an Zucker, Natrium oder gesättigten Fettsäuren in Produkten muss künftig explizit hingewiesen werden. Werbung, die auf Kinder unter 14 Jahren abzielt, wird komplett verboten. Einige Unternehmen verändern ihre Produkte, um sie den neuen Verpackungsregeln anzupassen. Andere klagen vor Gericht.

Im Juni 2018 tritt in Chile die zweite Stufe eines neuen Etikettierungssystems in Kraft. Die Vorschriften erfordern eine ausdrückliche Kennzeichnung und begrenzen die Vermarktung und den Verkauf bestimmter Lebensmittel an Kinder. Das Dekret 13 wurde am 26. Juni 2016 als "Gesetz Nr. 20.606 über die Zusammensetzung von Lebensmitteln und ihre Werbung" im Amtsblatt veröffentlicht. Es erfordert die Reduzierung kritischer Nährstoffe. Andernfalls müssen die Hersteller ihre Produkte auf der Vorderseite mit Warnhinweisen versehen, zum Beispiel "Alto en Azúcares" (Hoher Zuckergehalt). Schwarze achteckige Logos weisen auf einen hohen Anteil von Kalorien, Zucker, Salz oder gesättigten Fettsäuren hin. Dieses Symbol hatte sich in Tests mit Verbrauchern als am verständlichsten erwiesen.

Aus für Chips, Eis und Schokolade auf den Schulhöfen

Die chilenische Industrie spricht sich klar gegen die Änderungen aus. Der Verband Chilealimentos äußerte sich allerdings zufrieden darüber, dass es gelungen sei, eine schrittweise Erhöhung der Anforderungen durchzusetzen. Seit Juni 2016 gelten Werbebeschränkungen und ein Verkaufsverbot an Schulen. Gekennzeichnete Produkte wie Getränke mit einem hohen Zuckergehalt dürfen seitdem nicht mehr auf Schulhöfen angeboten werden.

Weiterhin müssen Hersteller ihre Produkte seit 2016 mit einem Warnhinweis versehen, wenn 100 Gramm entweder mehr als 350 Kalorien, 800 Milligramm Natrium, 22,5 Gramm Zucker oder 6 Gramm gesättigte Fettsäure enthalten. Für Flüssigkeiten gelten andere Grenzwerte. Zum 26. Juni 2018 sinken die erlaubten Mengen auf 300 Kalorien, 500 Milligramm Natrium, 15 Gramm Zucker oder 5 Gramm gesättigtes Fett. Kleinst- und Kleinproduzenten von Lebensmitteln müssen der gesamten Verordnung erst ab Juni 2019 entsprechen. Nach Angaben des Verbands für Lebensmittel und Getränke (Alimentos y Bebidas de Chile, AB Chile) haben seit Inkrafttreten des Gesetzes 20 Prozent der Hersteller freiwillig Rezepturen modifiziert, um die unbeliebten Logos zu vermeiden.

Neu ist auch, dass Produkte mit Warnzeichen nicht mehr direkt auf Kinder unter 14 Jahren abzielen dürfen. Konzerne wie Kellogg's sehen sich dadurch gezwungen, Zeichentrickfiguren von ihren Müslischachteln zu entfernen. Unzulässig ist auch die Kombination mit Spielzeug, um junge Konsumenten anlocken. Das trifft den italienischen Süßwarenhersteller Ferrero mit der Kinderüberraschung und McDonald's mit dem Happy Meal. Für Fernsehprogramme oder Internetseiten, die auf diese Zielgruppe ausgerichtet sind, gelten bereits Werbeeinschränkungen.

Keine Werbung mehr für kritische Produkte

Wenn im Juni 2018 der zweite Teil des Gesetzes in Kraft tritt, darf zwischen 6 und 22 Uhr im Fernsehen, Radio oder Kino keine Werbung für Produkte mit Kennzeichnung laufen. Darüber hinaus müssen Anzeigen eine Meldung enthalten, die besagt, dass Lebensmittel mit weniger Hinweisen bevorzugt werden sollten. Das gilt nicht nur für die klassischen Kanäle, sondern auch für soziale Netzwerke. Die Kampagne mit dem Slogan "Bevorzuge Lebensmittel mit weniger Warnkennzeichen" wurde vom chilenischen Gesundheitsministerium lanciert. Um das Stillen zu fördern, verhängte das Gesundheitsministerium zudem ein Vermarktungsverbot für Säuglingsanfangsnahrung.

Chiles Bevölkerung steht hinter den neuen Richtlinien: Laut verschiedenen Umfragen, die vor der Gesetzesänderung durchgeführt wurden, waren zwischen 77 und 95 Prozent der Befragten mit den strengeren Vorschriften einverstanden. Selbst der unbeliebteste Teil, die Werbeeinschränkungen, fand immerhin noch die Zustimmung von 57 Prozent.

Produzenten fordern freiwillige Selbstverpflichtung

Während Verbraucherorganisationen die neue Regulierung im Sinne einer gesünderen Ernährung begrüßen, hatte sich die Industrie für freiwillige Nährwertangaben ausgesprochen. Felipe Lira, der Geschäftsführer des Lebensmittelverbands Chilealimentos, bezeichnete die Vorschriften als "invasiv". Es sei fast unmöglich, die angegebene Höchstmenge, beispielsweise für Zucker, einzuhalten. Im Rahmen öffentlicher Anhörungen hatte die Lebensmittelindustrie ihre Positionen zwar vorgetragen, anschließend jedoch kritisiert, die Regierung habe die Vorgaben nahezu unabhängig davon entworfen.

Eine zentrale Forderung der Industrie war die Berechnung der Nährwertgehalte pro Portion statt pro 100 Gramm. Die Definition besonders kleiner Portionen hätte zu weniger Kennzeichnung geführt. Der chilenische Verband für Lebensmittel und Getränke (Alimentos y Bebidas de Chile, AB Chile) hatte sich ebenfalls gegen die Einführung der neuen Regeln ausgesprochen und eine Medienkampagne gestartet.

Unternehmen ziehen vor Gericht

Während McDonald's versicherte, in Kindermahlzeiten die im Gesetz als kritisch aufgeführten Inhaltsstoffe zu reduzieren, kündigte Ferrero rechtliche Schritte gegen das Gesetz an. Zurzeit klagen mehrere Unternehmen vor Gericht mit dem Argument, das Verbot der Comicfiguren auf Verpackungen schränke ihre geistigen Eigentumsrechte ein. Kellogg's als Produzent von Frosted Flakes ist eines davon. PepsiCo, Hersteller der Käse-Maismehlsnacks Cheetos, verlautete, der Konzern habe kein Interesse daran, das Gesetz umzukippen, versuche allerdings, lokal registrierte Marken zu schützen. Gegen die Werbeeinschränkungen gehen einige Firmen gemeinsam gerichtlich vor. Die abschließenden Urteile stehen noch aus.

Danone, inzwischen von Watt's aufgekauft, erwägte Pressemeldungen zufolge zeitweise den Rückzug aus Chile. Später gab das Unternehmen bekannt, in Chile zu bleiben, allerdings mit einer kleineren Produktpalette. Der Vorstandsvorsitzende Fernando Larraín Peña nannte als Meilensteine die Übernahme von Danone und den Rückgang des Konsums von Kategorien wie Tiefkühlprodukten, deren Umsatz seit Jahren im zweistelligen Bereich gewachsen war.

Als Grund für den Rückgang des Verbrauchs gab er neben dem geringen Wirtschaftswachstum die "Verwirrung" an, die sich seiner Ansicht nach aus der neuen Lebensmittelverordnung ergebe. Diese habe zu "undenkbaren" Veränderungen im Konsum geführt. Ein Beispiel sei der Verzicht auf Nektare und Butter, die von der Kennzeichnungspflicht betroffen waren. Stattdessen brachte Watt's den ersten Kuchen ohne Warnzeichen auf dem Markt. Margarine bewirbt das chilenische Unternehmen in einer TV-Kampagne mit der Botschaft, hoch sei nur der Anteil an Geschmack.

Drei Viertel aller Chilenen sind übergewichtig

Das wichtigste Ziel hat das Gesetz noch nicht erreicht: die Senkung der hohen Raten von Übergewicht. Im Gegensatz zu den 1980er Jahren, als Unterernährung unter armen Chilenen, insbesondere Kindern, verbreitet war, sieht sich die Regierung inzwischen mit einer steigenden Fettleibigkeitsrate konfrontiert. Laut dem Gesundheitsministerium sind rund 75 Prozent der Erwachsenen und mehr als 50 Prozent der Sechsjährigen adipös. Beide Raten gehören zu den höchsten der Welt.

Die medizinischen Kosten der gesundheitlichen Folgen machten 2016 mit 800 Millionen US-Dollar etwa 2,4 Prozent der Gesundheitsausgaben aus. Dieser Prozentsatz könnte laut Prognosen bis 2030 auf 4 Prozent steigen. Aufgrund dieser Situation entwickelt sich der Andenstaat zum Vorreiter gesundheitsfördernder Regulierung. Schon der Steuersatz von 18 Prozent für zuckerreiche Getränke ist einer der höchsten weltweit.

Paloma Cuchi, eine Regionalvertreterin der Weltgesundheitsorganisation, betrachtet Chiles Gesetz als das anspruchsvollste der Welt: "Wenn es vollständig umgesetzt ist, wird es das erste sein, das die von der WHO empfohlenen Mengen für Inhaltsstoffe wie Zucker, Salz und Fette einhält." Weitere Länder wie die VR China, Kanada, Mexiko, Uruguay, Peru und Ecuador analysieren ähnliche Möglichkeiten der Umsetzung.

Weitere Informationen Chile finden Sie unter http://www.gtai.de/chile